Pferde im Winter

Alle Pferdemenschen wollen nur das Beste für Ihren Vierbeiner und ich werde deshalb in den Wintermonaten immer wieder nach meiner Meinung zum eindecken der Pferde gefragt. Ist es wirklich schlau oder erweisen wir den Pferden mit dem Eindecken eher einen schlechten Dienst?

Als mein erstes Pferd in mein Leben trat, habe ich mich auf den wohlgemeinten Rat von erfahrenen Pferdemenschen verlassen und meinen Tierfreund eingedeckt. Ich wollte ja nicht, dass mein Pferd das einzige ohne Decke im Stall ist und ich als „Rabenpferdemutter“ gelte.

pferde im winter

Seit ein paar Jahren nun, leben unsere beiden Freibergerpferde bei uns zu Hause im Aktivstall und entscheiden selber, wann und wo sie sich aufhalten - im wettergeschützten Freilaufstall oder lieber draussen, Wind und Wetter ausgesetzt. Und sie sind nie eingedeckt. Bestimmt denken da einige, dass das ja kein Problem ist bei K altblüter- oder sogenannt Robustrassen. Die Erfahrungen aus meiner Arbeit zeigen jedoch, dass Pferde, egal ob Kalt-, Warm- oder sogar Vollblut, bei natürlicher Haltung mit den Wetterbedingungen besser klarkommen, als wir Menschen ihnen da zutrauen. Heute bin ich der Meinung, dass Pferden das Eindecken sogar schadet, weil der Mensch dabei in ein sehr intelligentes System, den Thermoregulationsprozeß, eingreift.

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Wie bereits in einem meiner letzten Posts beschrieben, müssen Säugetiere bei extremen Temperaturen die Kerntemperatur ihres Körpers sehr konstant halten. Der Pferdekörper produziert unablässig Wärme, sie ist ein Nebenprodukt des Stoffwechsels. Um den Wärmeverlust während der kalten Jahreszeit zu kontrollieren, ist das Pferd mit einem komplexen und sehr effektiven Thermoregulationsmechanismus ausgestattet. Damit dieser Mechanismus funktioniert, benötigt ein Pferd natürliche, artgerechte Lebensbedingungen.

Wie funktioniert nun also dieser Thermoregulationsmechanismus und wie wird er durch unnatürliche Haltung und „Pflege“ gestört und negativ beeinflusst?

Die Haut selbst wirkt als Isolationsschicht, weil sie relativ dick ist. Die isolierende Eigenschaft des Fells hängt ab von der Dichte und der Dicke der Haarschicht, der Windgeschwindigkeit sowie der Temperatur- und Feuchtigkeit im Fell. Das Fell der Pferde wechselt zweimal jährlich bedingt durch einen Mechanismus, der sich an den unterschiedlichen Temperaturen der Jahrezeiten anpasst. Sensoren in der Pferdehaut reagieren auf die Länge des Tageslichtes. So ist das Pferd gleich nach der Sommersonnenwende, wenn die Tage kürzer werden, für den Wechsel zum Winterfell bereit. Oder aber nach der Wintersonnenwende mit länger werdenden Tagen, zum Wechsel ins Sommerfell. Gleichzeitig haben auch die Außentemperaturen einen Einfluss auf das Fellwachstum. Kälteres Klima verursacht ein Wachstum von dickerem und längerem Haar. Das Pferd kann die isolierenden Eigenschaften seines Felles auch noch durch eine Art „Gänsehaut“ beeinflussen: ein Aufstellen, Drehen oder Anlegen der Haare durch die Haarbalgmuskeln. Durch diesen Mechanismus erhöht oder senkt das Pferd die Isolationsschicht seines Felles. Die Felldichte kann so um 10% bis 30% erhöht werden. Die Haarbalgmuskeln müssen, wie jeder andere Muskel auch, regelmässig t rainiert werden, um vernünftig funktionieren zu können. Mit dem Eindecken wird diese Funktion verunmöglicht.

Liebend gerne striegeln und putzen wir unser Pferd. Auch ich mag es, meine Pferde auf diese Weise zu verwöhnen. Nur, auch hier hat unsere gutgemeinte Pflege einen Hacken. Die Körperhaare der Pferde sind mit einer fettigen Substanz bedeckt, die dem Pferd dabei hilft, an regnerischen oder verschneiten Tagen nicht bis auf die Haut durchzunässen. Durch diese Talgschicht verfügt das Fell über einen wasserabweisenden Effekt – das Wasser fliesst an der äußeren Haarschicht ab, während die untere Schicht trocken bleibt. Hierbei gilt: je länger das Haar, desto w eniger hat Wasser die Chance bis auf die Haut zu gelangen. Durch regelmässiges Ausbürsten der Haare wird die Talgschicht entfernt – der wasserabweisende Effekt geht verloren. Ebenfalls ist es nicht empfehlenswert, die Schicht aus Matsch, die das Pferd beim Wälzen im Sand oder auf der Weide bekommt, zu entfernen – auch diese Schlammschicht hat schützende Eigenschaften. Es ist natürlich klar, dass das Abscheren des Pferdefells die natürliche Thermoregulation komplett zerstört. Wichtig zu wissen ist meiner Meinung nach auch, das die Verdauung von Heu Wärme erzeugt. Also ist es unbedingt notwendig, dass Pferde unbegrenzt Zugang zu Heu haben. Erzwungene Fresspausen sind für Pferde gesundheitsschädigend.

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Bei Wildpferden kann man beobachten, dass sie ihre Aktivitäten im Winter im Vergleich zum Sommer reduzieren. Diese Reduktion von Aktivität kann ich auch bei unseren Pferden beobachten, obwohl sie nicht den Herausforderungen ständiger Nahrungssuche ausgesetzt sind. Das Herunterfahren körperlicher Aktivität hat offensichtlich den gleichen Grund wie bei den wild lebenden Pferden: Reduktion des Energieverbrauches in der kälteren Jahreszeit. Es ist deshalb vollkommen natürlich für Pferde, während des Winters untrainiert zu sein und meiner Meinung nach auch nicht angebracht, Pferde im Winter zum Training zu zwingen.

Fazit, das Eindecken setzt die Thermoregulation ausser Gefecht. Denn das Pferd kann nicht nur spezielle Körperpartien (Nacken, Kopf, Bauch und Beine, die beim eindecken nicht bedeckt werden) erwärmen. Der gesamte Körper kühlt ab oder der ganze Körper erwärmt sich. Zudem birgt das Schwitzen unter den Decken mehr Gefahren, zum Beispiel das Erkälten, als es dem Menschen bewusst ist. Und wie bereits erwähnt, werden die Haarbalgmuskeln nicht trainiert, schlimmer sie verkümmern irreparabel. Ausserdem fehlt dem Pferd dann in ungedecktem Zustand sein Temperaturausgleichswerkzeug. Das erzeugt Stress beim Pferd, was wiederum Krankheiten und Infektionen Tür und Tor öffnet. Dazu kommt mir folgendes Zitat in den Sinn: „Der Keim ist nichts, die Umgebung alles“ (Louis Pasteur).

Sorge du deshalb für deinen Tierfreund, indem du ihm so gut wie möglich, ein Leben bietest, das die Natur für dein Pferd vorgesehen hat. Pferde sind wissende, fühlende Wesen und kommen mit der Natur gut klar - wenn wir sie denn lassen. Zum Beispiel kann ich beobachten, dass sich unsere Pferde immer pünktlich dort positionieren, wo die ersten Sonnenstrahlen am Tag auftauchen. Und sie lieben es, sich einschneien zu lassen. Und sich so einen natürlichen, isolierenden und schützenden Mantel anzulegen.

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Herzdank für deine Aufmerksamkeit und alles Liebe dir und deinem Pferdefreund! Wenn du Fragen hast, kontaktiere mich gerne, ich freue mich :-)